Wir lösen das Rätsel der NackarwerkstattMenschen, die machen, daß die Welt sich dreht.Da wütet im fernen Indien die Pest, da haben die Deutschen, als wäre nichts, Ihren Bundestag gewählt, da rücken in der ganzen Welt Völker aufeinander zu und Kontinentalmassen voneinander ab. Und allzu selten halten wir inne und fragen einander nach jenen, die dafür Sorge tragen, daß das alles funktioniert und am Laufen bleibt, nach den stillen Stars (Pierre Dokter). Die Klinik nun aber hat sich seit jeher die Würdigung solch wirkungsmächtiger Leisetreter auf die Fahnen geschrieben. So auch die der nimmermüden Flußmonteure von der Tübinger Neckarwerkstatt. Claudia Schiffer schwanger? Frühherbst 94, früher Nachmittag. Im golddurchwirktenRedaktionssaal sitzen wir in ein Gespräch vertieft und schnupfen Traubenzucker. Mach mir den Anzeigenleiter, kräht Heikling im Übermut, und ich weiß spontan: Wir müssen endlich los; jetzt: Neckarwerkstatt, und rauskriegen, was die da eigentlich machen. Gesagt getan, wir machen uns in die Gänge, ich breche rasch den Polo des Heilgehilfen auf, geht schneller, gluckst Heikling, ich: forsch los. Zehn Minuten später sind wir da und springen wild um uns schießend aus dem Auto. Hinter einem Lichtmast lehnt Harold Printer Brinkjost, wartet auf unser Geld; gestern pochte er schon den ganzen Tag an unserer Tür und traf uns nur deshalb nicht an, weil wir mit unserer alten Redaktionsuhr beim Pfandleiher waren, um ihn weichzuklopfen. Wir stecken die Colts weg und versuchen, den Eindruck zu erwecken, wir sähen Brinkjost nicht. Es gelingt; ich fotografiere verhalten; Neckarwerkstatt. Endlich schiebt sich ein Monteur im Blaumann in unser Blickfeld, ölig, feucht. Wir kommen ins Gespräch, wir so: Reportage über die Neckarwerkstatt, wie das alles hier funktioniert und so, dann er so: Ob wir denn etwa mit acht Jahren den Unterschied zwischen potentieller und aktueller Unendlichkeit schon erfaßt hätten. Wir so: Denk nach, überleg. Nee, haben wir eigentlich nicht, schäm. Er: Nichts für ungut, er habe uns ja nur generell an die Problematik der Neckarwerkstatt ranführen wollen. Wir so: Puh, atme auf. Er hakt sich bei uns ein, beschwingt verschwinden wir durch eine unbemerkte kleine Nebentür mit der Aufschrift: Kleine Nebentür, die Sie bislang noch gar nicht bemerkt haben. Was Brinkjost jetzt macht, wissen wir nicht; aber wir ahnen: bald werden wir ihn wiedersehen. Di und Berti: Was ist dran? Hinter dem Blaumann her gleiten wir eine schimmlige Treppe hinab, bis wir am Ufer des Flusses zum Stehen kommen, der sich, ein endloses Band, vor unsren Füßen hinzieht. Der Monteur so: Herrlich, oder, und er sei übrigens der Harry. Wir so, angenehm, er da der Rüedi, ich der Pierre und so Satirezeitschrift Die Klinik, hehe, nein, keine Mediziner, naja. Eine kleine Pause streckt sich, in der Brinkjost auf einem Stocherkahn und wild gestikulierend an uns vorübertreibt, abermals unbemerkt. Die leisen Rufe Geld, Geld halten wir für das letzte Aufbegehren der Flußenten, die ein Stück entfernt einem grüngekleideten Mechaniker, der auf einer Panflöte bläst, ins Winterquartier folgen; wir so: träum. Der Harry von der Neckarwerkstatt, neben uns: So, jetzt habt ihr unser Baby gesehen, und ich will euch zeigen, wie wirs zum Laufen bringen. Wir so: Au ja, und er so: nichts leichter als das. Kommt mit. Cobain: War es Selbstmord? Diesmal ist die Treppe länger, dunkler, feuchter. Uralte Steinquader, mit Malereien von Mammuts, Wisenten und Rehhirschen notdürftig verschönt, säumen unseren Abstieg, Kienspäne knistern an den Wänden, und stumm schreiten wir hinab. Nach und nach werden die Bilder an den Wänden farbiger, beängstigender, und der unheilvolle Eindruck verdichtet sich. Tekeli-li, Tekeli-li hören wir von ferne, doch ist es die Stimme Brinkjosts, und der Schleier des namenlosen Grauens lichtet sich, noch ehe wir ihn gewahrt haben: Die letzte Sole ist erreicht, und Harry so zu uns: Augen zu, bis ich Bescheid sag. Wir öffnen die Augen und sehen nichts. Er so: ihr müßt sehen wollen, und tatsächlich schälen sich allmählich die Umrisse des gewaltigen Neckarantriebs aus dem Ungefähr. Riesige Kompressen, hydraulisches Gerät, erkleckliche Kaltmangeln und immer wieder: Wasser. Wir so: jubel, forellegeil, doch Harry winkt so ab: Das ist nur für die Touristen. Er zieht einen Vorhang beiseite und gibt den Blick frei auf ein unermeßliches Turbinenwerk, hunderte von Metern in alle Richtungen, unter der Erde! Majestätisch wölben sich blasse Farngewächse über enormen Pilzen. Wir so: staun, doch Harry ganz ruhig so: das geht bis Balingen, das ist aber alles nichts gegen das Kraftwerk, das den Österberg oben hält. Wir so: werden wir auch mal recherchieren. Plötzlich sieht Rüedi kleine Wellenringe in einem Wasserglas, wir erstarren. Auf dem Rücken eines Brontosaurus reitet Brinkjost vorbei, wedelnd, und verliert das Gleichgewicht, stürzt herab, in den Schlund eines kolossalen Mühlrades, und wird zermahlen. Harry so: noch eineTreppe. Wir folgen ihm, hangeln uns an den mannshohen Moosen entlang abwärts. Was wird jetzt aus O.J.? Unten ein Meer hölzerner Fässer bis zum Horizont, wir so stell Vermutungen an, wahrscheinlich isotonische Durstlöscher für die hart arbeitenden Flußmonteure, aber nix da: Alle voll Wasser, sagt Harry. Da entdecken wir mehr: Fünfkilobeutel Pastellfarbe und große Koffer mit Mineralsalzen. Wir so: häh?, doch Harry klärt schnell: Je nach Jahreszeit und Wetterlage mischen wir das Wasser speziell ab, damit die komplizierten Räderwerke der Enten und Schwäne nicht verkrusten. Die Farbe ist für den Tourismus, wegen der Neckarfront, je nach Jahreszeit. Wir: ach ja, der Turm, dann alle drei: lach dreckig. Harry führt uns noch zu einer kleinen blitzsauberen Armatur in einer Nische: Zur Not, wenn die Fässer mal leer sind, können wir hier nachfüllen. Wir so: prima Idee; könnte von uns sein. Er so: stoß uns in die Rippen, und ob wir vielleicht Hunger hätten. Da tut sich neben uns ein mords Ofen auf, Harry so: mit spitzen Fingern zieh das Backblech raus, kündig an: Ein Supergebäck. Wir so: beug über das Blech und erschreck schier zu Stein. Denn da liegt vor uns Brinkjost, in einen Mehlteig eingebacken. Wir so: denk, der ist perdü. Aber nein, noch lebt das Vieh. Knusper, Knapser, wie zwei Mäuse, beißt er sich durch das Gehäuse. Wir so: renn weg wie nix, doch Harry hält uns zurück: was habt ihr denn? Wir so stammel, doch Brinkjost so: brech auf uns los. Wir haben keine Wahl: Also bezahlen wir rasch die Rechnung für die letzte Klinik und entschuldigen uns für den albernen Artikel, Harry steht daneben. Wir wissen: Oben wartet der Heilgehilfe mit den Bullen, versteht mit seinem Auto keinen Spaß mehr. Harry so: Können die Herren Sechsundsechzig? Dr. Dokter & Dr. Heikling |