"Dieses Bild gibt meinen Typ wieder"Kleine Anamnese des MackerfotosUnser Thema ist nach wie vor die unverheiratete Frau Anfang zwanzig. Zu ihren wichtigsten Persönlichkeitsmerkmalen gehört ein Portemon-naie (auch Geldbeutel, seltener Geldbörse) zum Aufklappen mit Sichtfenster. Das Sichtfenster gibt den Blick frei auf ein gemeinhin in einem Paßbildautomaten mit grausam verzerrender Optik entstandene Portrait eines jungen Mannes, den die Eigentümerin des Portemonnaies so schnell wie möglich lauthals euphemistisch als ihren Freund ausgibt, bei dem es sich aber in Wahrheit um niemand anderen handelt als ihren Macker. In der meist auf den ersten Blick eher unscheinbaren Person des Mackers vereinen sich mannigfältige Funktionen: Nicht nur daß er die Eigentümerin des Portemonnaies gelegentlich besteigt, er ist zugleich Bezugsgröße in nahezu allen kulturellen und gesellschaftlichen Fragen und soziale Identifikationsfigur. In aller Regel ist der Macker Student. An einer mäßig bis gut renommierten, oft süddeutschen Hochschule (Karlsruhe, Hohenheim, Freiburg) betreibt er ein zukunftsträchtiges Fach mit niedriger Frauenquote (Maschinenbau, Ingenieurswesen, Wirtschaftsinformatik; profaner BWL/Jura) und sieht einer gesicherten Existenz an der Seite der Eigentümerin des Portemonnaies gelassen entgegen. Das Äußere des Mackers ist unauffällig, auf dem Mackerfoto blickt er platterdings etwas verstört drein, blaß mit schmalem Mund und einer Andeutung von Akne am Haaransatz. Dieser Eindruck verfliegt aber, steht man ihm Aug in Aug gegenüber: Erkennbar dezidiert sind seine Ansichten zu schnellebigen Moden und flüchtigen Trends. Er ist er selbst, ruht in sich, hat seinen Weg gefunden und vermag sich verständnisvoll über die wüsten Kapriolen des hastenden Zeitgeists zu erheben; er ist eine Persönlichkeit. Häufig trägt der Macker das Haupthaar etwas länger, gerngesehene Attribute sind Zopf und/oder Ohrring. Beides hat er sich aus seiner Zivizeit bewahrt, einer für ihn sehr wertvollen Erfahrung, mit der er umzugehen versteht. Er verfügt über ein soziales Gewissen und setzt sich für die Entrechteten ein. Manchmal leistet er Entwicklungshilfe in der Dritten Welt. Auch sonst ist er ein lustiger Gesell, ein richtig guter Typ, bei aller Feinfühligkeit einem derben Scherz dann und wann nicht abgeneigt. Wie die Eigentümerin des Portemonnaies an ihn kam (wie die beiden zusammenfanden), dazu bestehen zwei Möglichkeiten. Die eine ist, beide kennen sich bereits aus Schulzeiten, haben etwa dasselbe Alter. Jahrelang liefen sie aneinander vorbei, ohne groß Notiz zu nehmen, bis es, eines Tages in der Oberstufe, plötzlich funkte. Seither sind sie unzertrennlich, zusammengeschweißt auch durch einen gemeinsamen Freundeskreis und das damit verknüpfte nostalgische Erleben. Die zweite Möglichkeit ist, daß beide, oder doch zumindest der Macker, schon studierten, als sie einander schicksalshaft begegneten. In diesem Fall ist er drei bis sechs Jahre älter als sie und baut an seiner Diplom- oder Doktorarbeit. Unbedingt aber verbindet die Eigentümerin des Portemonnaies und den Macker zumindest ein intensives gemeinsames Erlebnis. Generell handelt es sich um einen zusammen verbrachten Rucksacktourismus in einen oder mehrere der besonders entlegenen traumhaft schönen Winkel unseres weiten Erdkreises. Dort haben die beiden eine unvergeßliche Zeit verbracht und künstlerisch wertvolle Fotos gemacht, von denen sie einige eingerahmt und an die Wand gehängt haben. Der Macker betreibt einen Computer. Bei ihm schreibt die Eigentümerin des Portemonnaies ihre Hausarbeiten, Thesenpapiere oder was sonst anfällt; er hat sie auch mit den Begriffen Winword und Doom (das er, der bahnbrechenden Animation wegen, mit Freunden von der Uni ganz gern mal einen Nachmittag spielt, was sie als tolerable männliche Marotte auffaßt) bekanntgemacht. Zudem verdankt sie ihm seinen ausdifferenziert moderaten Musikgeschmack: Lauschte sie früher, wie der Zufall es wollte, Cat Stevens, Beethovens Neunter, Beautiful South oder dem, was missionseifrige Mitschüler ihr auf Cassette bannten, ist ihre vom Macker installierte solide Hifi-Anlage heute durchaus mit exquisiten Jazzrock-, Ethnofunk- und Newfolktonträgern gesättigt. Der Macker ist bereits weitaus mehr als bloß Prestigeobjekt der jungen Vergnügungssüchtigen, die ihren Marktwert testen will. Die Eigentümerin des Portemonnaies hat mit sicherem Instinkt (noch spielerisch) begonnen, sich ihr Nest zu bauen, in geordnete Verhältnisse einzutreten: Sie definiert sich über den Macker. Und ob nun diese kleine Anamnese des Mackerfotos einen malignen Befund befürchten läßt, mag der kritische Leser selbst entscheiden. Wie aber der Lauf der Welt es will, muß, neben dem Erklimmen der ersten Sprossen auf der Karriereleiter, allzeit höchstes Streben des Mannes in seinen Zwanzigern sein, als Mackerfoto ins aufklappbare Portemonnaie einer jungen/attraktiven/häuslichen (Nichtzutreffendes bitte streichen) Frau Einzug zu halten. Dr. Heikling |